Stärken stärken in der Führung
Wie viel Potenzial freigesetzt wird, wenn Führungskräfte auf die Stärken ihrer Teammitglieder fokussieren
„Eigenlob stinkt“ – oder ganz im Gegenteil?
Hierzulande haben wir ein merkwürdiges Verhältnis zu unseren Stärken. Wir kennen unsere Schwächen nahezu auswendig. Würden wir um 3 Uhr in der Früh geweckt, könnten die meisten von uns ihre drei größten Schwächen sofort benennen. Und an genau diesen Schwächen feilen, optimieren und korrigieren wir nur zu gerne herum. Dabei übersehen wir etwas Entscheidendes: Das größte ungenutzte Potenzial in vielen Teams liegt nicht in den Schwächen, sondern in den Stärken der Mitarbeitenden.
Ich selbst war von klein auf so geprägt bis mir eine Führungskraft das Buch „Entdecken Sie Ihre Stärken jetzt“ von Buckingham und Clifton in die Hand drückte. Als ich dank des StrengthsFinders meine Stärken zum ersten Mal schwarz auf weiß sah, war das für mich ein echter Wendepunkt. Weil ich endlich verstanden hatte, warum mir manche Dinge so leichtfielen und mich andere wiederum so wahnsinnig viel Energie kosteten.
Stärken fallen nicht vom Himmel.
Das Gallup Institut definiert Stärken wie folgt: Talent × Investition = Stärke. Natürliche Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster werden durch gezielte Übung zu echten Stärken, also zu der Fähigkeit, konsistent hohe Leistungen zu erbringen. Das bedeutet: Jeder Mensch bringt etwas Einzigartiges mit. Die Frage ist nur, ob es im beruflichen Kontext auch gesehen, benannt und bewusst eingesetzt wird.
Woran man eine Stärke erkennt? Oft am Flow-Erleben. Das ist der Moment, wenn uns Aufgaben besonders leicht von der Hand gehen, die Zeit nur so verfliegt und das Ergebnis überraschend gut ist. Dann sind wir mitten in unserer Stärke. Folgende Frage lohnt sich also mal bewusst zu beantworten: Wann warst du im Job zuletzt so richtig im Flow?
Zahlen, die Führungskräfte aufhorchen lassen sollten
Was passiert, wenn Führungskräfte konsequent auf Stärken fokussieren? Die Forschung ist da sehr eindeutig: ein Leistungsplus von über 36 %. Wer umgekehrt im Führungsalltag vor allem Schwächen adressiert, riskiert 27 % Leistungseinbußen im Team (Quelle: McDougall Development).
Teams, die ihre Stärken kennen und bewusst einsetzen, sind bis zu 18 % leistungsstärker und berichten von mehr Selbstvertrauen und Energie in ihrer Arbeit (Gallup; Hodges & Harter, 2014). Stärkenorientierung ist also kein Nice-to-have, sondern ein Investment von Führungskräften, das sich auszahlt.
Die Momente, die alles verändern
Was mich als Coach & Trainerin am meisten fasziniert, sind die Momente, in denen Teammitgliedern ein Licht aufgeht: Wenn sie plötzlich verstehen, weshalb eine Kollegin oder ein Kollege tickt, wie sie bzw. er tickt. Wenn aus „Das nervt mich an dieser Person“ ein „Ach, das ist eine Stärke! Und genau die brauchen wir hier.“ wird. Ab diesen Momenten verändert sich in der Zusammenarbeit so einiges.
Genau das ist stärkenorientierte Führung: Menschen so sehen, wie sie wirklich sind und zwar mit dem Potential, das sie mit sich bringen.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Zwei meiner eigenen Stärken sind „Tatkraft“ und „Ideensammler“ und genau das prägt, wie ich Trainings gestalte. Neben zahlreichen unterschiedlichen Impulsen immer wieder die Frage: „Was bedeutet das konkret für deinen (Führungs-)Alltag?“ Denn Erkenntnis ohne Umsetzung ist nur ein schöner Gedanke.
Eigenlob duftet. Punkt.
Ich denke, es ist an der Zeit, das altbekannte Sprichwort zu überdenken. Denn wer nicht weiß, worin die eigenen Stärken liegen, kann es auch nicht zielführend im Job einsetzen. Und wer als Führungskraft nie fragt „Was gelingt dir eigentlich mühelos?“ oder „Wann bist du ganz in deinem Element?“, lässt täglich Potenziale ungenutzt.
Martin Seligman, der Begründer der Positiven Psychologie, formuliert es so: „Not fixing what’s wrong, but building what’s strong.“ Also „nicht reparieren, was kaputt ist, sondern stärken, was wirklich trägt.“
Menschen blühen auf, wenn sie das tun dürfen, was sie wirklich gut können. Teams werden stärker, wenn ihre Unterschiede nicht als Problem, sondern als Ressource begriffen werden. Führung fühlt sich dann nicht mehr wie „Schadensbegrenzung“ an, sondern wie der Unterschied, den du als Führungskraft im Unternehmen wirklich machen möchtest.
Die Frage ist nicht ob, sondern wann. Die Stärken deiner Mitarbeitenden warten darauf, gesehen zu werden. Sieh genau hin.
„Stärkenorientierte (Selbst-)Führung und Teamführung: Optimale Ressourcennutzung im Team, die sich bezahlt macht.“
Annika Weper ist freiberufliche Trainerin für die IHK-Akademie Ostwestfalen und begleitet Führungskräfte dabei, ihren persönlichen Führungsstil zu entwickeln und Teams in Bewegung zu bringen – praxisnah und mit langjähriger Erfahrung in der strategischen Personalentwicklung.









