Krisenkommunikation im digitalen Zeitalter
„Struktur schafft die Freiheit, die man im Ernstfall braucht“

Wenn es im Unternehmen brenzlig wird, entscheiden oft die ersten Minuten über die langfristige Reputation. Doch gerade in wirtschaftlich instabilen Zeiten wie heute ist Kommunikation mehr als nur Schadensbegrenzung – sie ist Existenzsicherung. Wir haben mit Josephin Ulrich, Expertin für Krisenkommunikation und Dozentin an der IHK-Akademie, darüber gesprochen, warum professionelle Krisenarbeit der beste Schutz für den Mittelstand ist und was Teilnehmende in ihrem Intensiv-Seminar am 3. und 4. Februar in Bielefeld erwartet.
IHK-Akademie: Frau Ulrich, Deutschland steckt in einem tiefgreifenden Strukturwandel, die wirtschaftlichen Prognosen sind verhalten. Warum ist Krisenkommunikation gerade in dieser angespannten Phase so entscheidend für den Mittelstand?
Josephin Ulrich: Wir erleben aktuell eine enorme Verdichtung von Herausforderungen: Dekarbonisierung, Digitalisierung und geopolitische Umbrüche fordern die Unternehmen massiv. In solch instabilen Zeiten ist Vertrauen die härteste Währung. Wenn die wirtschaftliche Basis unter Druck steht, kann sich kein Unternehmen zusätzlich eine Vertrauenskrise erlauben. Ein kommunikativer Fehler kann heute schneller denn je zu realen wirtschaftlichen Folgen führen – von der Zurückhaltung der Banken bis hin zum Verlust von geschäftskritischen Partnern. Professionelle Krisenkommunikation ist in dieser Phase kein „Nice-to-have“, sondern eine Versicherung für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.
IHK-Akademie: Kann man eine kommunikative Krise eigentlich verhindern, oder ist man ihr immer ausgeliefert?
Josephin Ulrich: Wir sprechen hier von der Prävention, dem „Issues Management“. Viele Krisen kündigen sich leise an. Wer sein „Krisen-Radar“ geschärft hat, erkennt kritische Themen, bevor sie zum Flächenbrand werden. Erfolgreiche Krisenkommunikation fängt also nicht beim Löschen an, sondern beim Brandschutz: Wie erkenne ich Risiken frühzeitig? Wie baue ich Resilienz auf? Ein Großteil der Arbeit findet statt, wenn es noch absolut ruhig ist.
IHK-Akademie: Wenn es dann doch zum Ernstfall kommt, sprechen Sie oft von der „Golden Hour“. Was hat es damit auf sich?
Josephin Ulrich: Die „Golden Hour“ beschreibt die erste Stunde nach Bekanntwerden eines Vorfalls. In Zeiten von KI-generierten Inhalten und sekundenschneller digitaler Verbreitung ist dieses Zeitfenster extrem kritisch. Wenn das Unternehmen hier schweigt, entsteht ein kommunikatives Vakuum. Und dieses Vakuum wird heute sofort von Spekulationen oder Halbwahrheiten in den sozialen Medien gefüllt. Wer in der ersten Stunde sprachfähig bleibt, behält das Heft des Handelns in der Hand.
IHK-Akademie: Was ist Ihrer Erfahrung nach der häufigste Fehler, den Führungskräfte in solchen Situationen machen?
Josephin Ulrich: Der Impuls, erst einmal gar nichts zu sagen, bis „alle Fakten auf dem Tisch liegen“. Das ist menschlich verständlich, aber gefährlich. Man muss in der Krise nicht sofort alles wissen, aber man muss den Prozess erklären: Was tun wir gerade? Wann gibt es neue Infos? Das gilt nach außen, aber vor allem auch intern zu den eigenen Mitarbeitenden. In Zeiten des Fachkräftemangels verunsichert nichts ein Team mehr als das Gefühl, dass die Führung die Kontrolle verloren hat.
IHK-Akademie: Am 3. und 4. Februar leiten Sie das Seminar in Bielefeld. Was unterscheidet diesen Kurs von einer klassischen Theorie-Veranstaltung?
Josephin Ulrich: Wir arbeiten extrem praxisorientiert. Mir ist wichtig, dass die Teilnehmenden mit einem fertigen Werkzeugkoffer nach Hause gehen. Wir nutzen Tools wie das „Krisenrad“, um komplexe Lagen zu ordnen, und bauen am zweiten Tag einen simulierten Krisenstab auf. Wir trainieren ganz konkret, wie man ein „Holding Statement“ formuliert, das auch unter Druck Bestand hat. Es ist ein geschützter Raum, in dem man sich ausprobiert, um im Ernstfall souverän zu bleiben.
IHK-Akademie: Wenn Sie den Unternehmen einen Rat mitgeben müssten: Wo sollte man heute anfangen?
Josephin Ulrich: Warten Sie nicht auf den Brand, um die Feuerwehr zu rufen. Wer heute in Prozesse und die eigene Sprachfähigkeit investiert, spart morgen massiv an Kosten und Reputation. Struktur schafft Freiheit. Wer heute festlegt, wer im Ernstfall am Tisch sitzt, gewinnt in der Krise die Ruhe zurück, die man für kluge Entscheidungen braucht.
Wenn’s brennt, richtig reden: Erfolgreiche Krisenkommunikation für starke Nerven und klare Köpfe
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